Saarlännischer Abzählreim von Relinde Niederländer

Als Mundarttext des Monats Januar zeichnet die ‘bosener gruppe’ das Gedicht Saarlännischer Abzählreim der saarpfälzischen Dichterin Relinde Niederländer aus.

Das Kolloquium der Gruppe hat sich, wie die Sprecherin der Gruppe, Karin Klee, mitteilt, für diesen Text entschieden, weil er aussterbende saarländische Schlüsselbegriffe und neudeutsche Trendformeln zu einem ausdrucksstarken Bild der unsere aktuelle Wirklichkeit prägenden Umbrüche kontrastreich zusammenfügt.

Saarlännischer Abzählreim

Eene meene Gruuweschuh,
Muddergläddsje, Berschmannskuh,
Schloode, Raach unn Färdertirm,
Eise, Schdahl unn Thomasbirn.

Zich Miljaarde Subwensjoone,
Riese, die sich nimmi lohne,
Schdumm unn Rechling mache zu,
eene meene draus bisch du!

Alles nei, Milleenijumm,
Buddsemann, komm dräh dich um!

Eene meene Heidegg puur,
Onnlein, Induschdriekulduur,
Grinnderzendrumm, Kursniwwoo,
Bersegang mett Rissiggo.

Hipphopp, Wellness, Freizeitkigg,
Pille, Geentescht, Muddergligg.
Machsch’de schlabb, s’gebbt kenn Tabbuu:
eene meene draus bisch du!

Juuchendwahn unn Rendeloch,
bäddelaarm unn hochgeschdoch,
irgendwann sinn unnerm Schdrich allegaa
wie du unn ich!

Peter Eckert, Sprecher der ‘bosener gruppe’, schreibt zu dem Gedicht:

Dem Seemann des deutschen Schlagers reicht der Duft von Salz und Teer, schon sieht sein inneres Auge weiße Segel am Horizont, und das Fernweh in ihm wird übermächtig. Für Marcel Prousts Erinnerung reichte ein Löffel Tee mit dem Stückchen einer Madeleine aus, ihn auf die Suche nach der verlorenen Zeit zu schicken.

Noch das saarländische Schulkind der sechziger Jahre kennt Begriffe wie Bergmannskuh, Förderturm und Thomasbirne. Zahlreiche Leser heimatverbundener Literatur der achtziger Jahre konnten – wenn vielleicht auch aus zweiter Hand – immer noch lernen, dass Mutterklötzchen das Holz waren, das der Bergmann halblegal von der Arbeitsstätte mit nach Hause brachte.

Anders gesagt: Die Gruppe der nicht mehr ganz jungen Bewohner unserer Region hat diese und ähnliche Ausdrücke in ihr kollektives Gedächtnis aufgenommen. Sie hat aber auch erlebt, wie sichere Garanten von Arbeit und bescheidenem Wohlstand innerhalb weniger Jahre zum siechen, unrentablen, Subventionen verschlingenden Fass ohne Boden wurden, bevor sie den Weg alles Irdischen gingen.

Dass das Leben gleichwohl weiter geht und alte Probleme verblassen, weil auch die schöne neue Zeit unablässig neue gebiert, zeigt Relinde Niederländer, indem sie den Butzemann zu tun heißt, was seit je seines Amtes ist: Er muss sich umdrehen und wendet nun den Blick nicht mehr zurück, ob im Zorn oder nostalgisch verklärt, bliebe sich gleich.

Neu ins Blickfeld gelangen nun die High-Tech-Welt mit ihren Online-Bürgern, die Börse als Wertvernichtungsmaschinerie oder auch Freizeit, die zusätzlichen Leistungsdruck erzeugt und verdichtet.

Es beeindruckt, wie Relinde Niederländer in scheinbar harmlos-kindlichen paargereimten vierhebigen Jamben eines Abzählreims die alte und die neue Realität so zusammenfügt, dass verklärende Rückschau als ebenso fragwürdig entlarvt wird wie überdrehte Fortschrittsgläubigkeit.

Wer nicht mehr kann, fliegt raus. Gestern noch hochgestochen, heute bettelarm: zwei Seiten einer Medaille. Vom Jugendwahn zum Rentenloch ist nur ein kleiner Schritt, wahrscheinlich wächst beides auf demselben Mist. Wenigstens das macht uns über kurz oder lang gleich: »unnerm Schdrich allegaa wie du unn ich!«

Was vielleicht bleibt, ist ein wenig verschämte Sehnsucht nach einer heileren Welt. Im Gedicht ausgesprochen wird dies allerdings nicht. Das also muss man sich selbst dazu denken.