Mei Sorjekind von Rolf Büssecker

Als Mundarttext des Monats März 2008 wird Mei Sorjekind von Rolf Büssecker prämiert. Darauf hat sich das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ verständigt.

Wie die Sprecherin der Gruppe, die saarländische Schriftstellerin Karin Klee, mitteilte, habe man diesen Text ausgewählt, um zu verdeutlichen, dass gesellschaftlicher Wandel sich auch auf eine Sprache auswirkt, sie sogar zum Verschwinden bringen kann, dies jedoch kein Grund ist, sie zu vergessen.

Mei Sorjekind

Du bischd vor langer Zeit gebor,
hoschd immer dich gewannelt,
doch jetzert kummt mers grad so vor,
du werschd vergeß, verschannelt.

Drum halt ich dich, so feschd ich kann,
du immer fer dich streite
un hoff, du bischd net irgendwann
verlor fer alle Zeite.

Ich kämpf fer des geschriwwne Wort
un redd mit Engelszunge
un trotzdem gehschde vun uns fort,
hab ich umsunschd gerunge?

Wu is der Damm, der wu dich halt,
wer stoppt des lange Sterwe?
Die feirisch Glut werd langsam kalt,
schun dut se grau sich färwe.

Ä Middel gebts uff jeden Fall
fer dich net zu verliere:
Mer missen nor minanner all
des Mundartfeier schiere.

Der Schriftsteller Bruno Hain schreibt zu dem ausgewählten Text:

Wer sich mit gleich welcher Mundart befasst, wird unweigerlich feststellen, dass diese mehr und mehr im Wandel und im Verschwinden ist. Ein ganz natürlicher Schwund entsteht durch die Modernisierung.

Handwerksberufe verschwinden und mit ihnen die Gerätschaften, ebenso die dazugehörenden mundartlichen Fachbegriffe für die Werkzeuge. Wer mit einem Vollernter in die Weinberge fährt, der braucht eben kein »Sesel« mehr (wie es übrigens die alten Römer schon hatten) zum Trauben schneiden. Auch die Mobilität trägt ein Gutteil dazu bei, dass Mundarten im Schwinden sind. Man glaubt sich unverständlich auszudrücken, wenn man plaudert, wie einem der Schnabel gewachsen ist, und ein regionaler Akzent scheint gerade noch hinnehmbar. Selbst eingefleischte Mundartverfechter dürften bei einer genauen Selbstbeobachtung feststellen, dass es gelegentlich Dinge gibt, über die sie plötzlich in der Standardsprache reden, obwohl dies auch sehr wohl in Mundart ginge. All dies registrieren natürlich auch die Mundartautoren. Die Gedichte über den Mundartverlust sind – oftmals mehr schlecht als recht – Legion, da in solchen Texten meist nur unwiederbringliche Wortverluste (siehe: »Sesel«) bedauert werden.

Rolf Büssecker, der Verfasser des Gedichtes »Mei Sorjekind« sieht dies aus einer anderen Perspektive. Er weiß, dass die Mundart wesentlich älter als die Standardsprache ist, doch wie diese einem dauernden Wandel unterliegt. Sie ist sein »Sorgenkind«, das vor langer Zeit schon von einem langsamen Sterben befallen wurde. Das ihr innewohnende Feuer – Symbol für die Vielfalt der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten – erkaltet, weil man angefangen hat »schön« zu sprechen und mundartliche Begriffe durch standardsprachliche zu ersetzen. Das Gedicht ist nicht nur ein Lamento über den Sprachverfall sondern zugleich auch ein Credo auf die Vielfalt der Sprache – und es liegt an den Sprechern, dies unter Beweis zu stellen.

Rolf Büssecker, der Autor dieses Monatstextes, wurde 1948 in Heidelberg geboren, ist seit 1954 in der Pfalz und wohnt seit 1976 in Beindersheim. Er arbeitet in Ludwigshafen und schreibt seit den 1960er Jahren Gedichte, seit den 1980er Jahren auch in Mundart. Mit seinen Texten hat er mittlerweile zahlreiche Preise bei Mundartwettbewerben in der Pfalz bekommen und seine Gedichte erschienen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien.