Geborchehät von Lucien Schmitthäusler

Im September 2008 zeichnet die ‘bosener gruppe’ den Text Geborchehät des Lothringer Autors Lucien Schmitthäusler als Text des Monats aus. Darauf hat sich das Kolloquium der Gruppe verständigt.

Wie Karin Klee, die Sprecherin der Gruppe, weiter mitteilt, wurde dieses Gedicht ausgewählt, weil es ein besonders gelungenes Beispiel dafür ist, wie klar der poetische Blick auf das, was »Heimat« ist, ausfallen kann.

Geborchehät

Wànn Juni ‘s Hau uff de Wies kocht
unn de Scherrmuss verdurschtd im Loch,
Gewittre ruggle dass es knallt,
noh spiersch de se, die Urgewalt,
wu in dem Ländche sin Schproch schprächt…
Noh wääsch de, was Lothringe hääscht.

Wànn s’Bitscherlànd noh Holzrààch schmackt
unn gumbt in Newel ingepackt…
unn Ràmme de letschte Niss schnappe…
Wànn e paar zuckerne Isszappe
unner de rosarote Felse
met em Nordwind de Wald abbelze…
noh isch es Herbscht odder gar Winter?
Noh geht’s ganz lies Wihnachte zu.

Wànn stiff de Saar, drunne im Dal,
sich schlingelt, zugefror unn schmal,
unn e gefärbter Owed fellt
kaltnaggisch in e Lieschtefeld,
uss duschtre Wälder, Tànnebäm.
Noh fiehl ich mich richtich dehem.

Wànn dort die Kohl schwarz an de Rossel
met Schnee e groo’es Friehjohr bosselt.
Wànn’s bi Schpittel noh Chemie stinkt
unn Karlinge de Himmel schminkt
met sim Koksowe greller Flàmme,
wu Berschmänner de Bodde kràmme
in ihrer Nààcht unner’em Dàà,
noh hat’s de Zitt àn’s Dach geschlàà
unn aa min alt Arbeiterherz
schlààt s’nägscht bi ihrem, noh werd’s März.

Wànn alles aa am Breche ischt
an de Erd ihrem Truurgesicht,
fiehl ich mich doch met Fräd unn Sorche
trotzdem hemlich dehem… geborche.
Fiehl ich doch met Sorch unn Fräd
unn singe min Lied grad ze läd.

Der Autor Gérard Carau schreibt zu dem ausgewählten Gedicht:

Ich kenne keinen Lothringer, der »sein Land« poetisch so scharf im Blick hat wie Lucien Schmitthäusler. Er überfliegt scheinbar schwerelos die Landschaft wie Nils Holgersson auf dem Rücken der Wildgans und hält für uns in einzigartigen sprachlichen Bildern ihre Schönheit fest, ohne dabei in Schwärmerei zu geraten. Eines seiner diesbezüglich besten »Fotos« aus der Distanz und aus kritischer Nähe zugleich ist das Gedicht »Geborchehät« (erschienen im Paraple 7). Vieles in den fünf unregelmäßigen Strophen scheint der Titelaussage zu widersprechen: Ist das wirklich »Geborgenheit«, wenn im Sommer die Wiese kocht, dass die Schermaus fast verdurstet und die Gewitter nur so knallen?

Es sind nicht Kuscheligkeit und Gemütlichkeit, die diese lothringische Landschaft ausmachen, sondern die Zacken, jene ungemütlichen Aspekte, welche sie in den Augen des Autors unverwechselbar charakterisieren: der Holzgeruch, der Nebel, die Eiszapfen, der Nordwind, die zugefrorene Saar, das »Kaltnackische« in Herbst und Winter. Was andere vielleicht stören würde und schaudern machte, lässt unser lyrisches Ich sich erst so recht wohlfühlen.

Das Land, das Lucien Schmitthäusler auf seiner poetischen Reise überfliegt, ist nicht von Unangenehmem bereinigt. Der Autor ist zu sehr Lothringer, als dass er die Wirklichkeit von ein mögliches Idyll störenden Industrieansiedlungen ausblenden könnte. Warum auch? Die schwarze Kohle, die verschmutzten Flüsse, die stinkenden Schlote der Chemie bei Carling sind akustischer, optischer, olfaktorischer Bestandteil der Landschaft. Aber eben auch die Menschen, die mit den Industrieanlagen verbunden sind, die sie geschaffen und von denen sie gelebt haben, allen voran die Bergleute, die heute verschwunden sind und mit denen sich der ehemalige Kumpel (»min alt Arbeiterherz«) weiterhin verbunden fühlt.

Ein Idyll, wie es so viele »Heimatdichtungen« liefern, wird hier beileibe nicht gezeichnet. Alles ist »am Breche«, die Erde zeigt insgesamt eher ein Trauergesicht. Und trotzdem beharrt das lyrische Ich auf seiner »Geborgenheit«. Das ist Heimatliebe ohne Zuckerguss und Schmus. Das ist »Sorch unn Fräd« über etwas, was man verschwinden sieht, was man festhalten möchte und doch nicht kann. Poesie eben.