Schichtwechsel von Isolde Schneider

Als Mundarttext des Monats Januar wird das Gedicht Schichtwechsel der saarländischen Mundartautorin Isolde Schneider prämiert. Darauf hat sich auf ihrer Herbsttagung das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ verständigt.

Wie der Sprecher der Gruppe, der saarländische Schriftsteller Peter Eckert, mitteilte, habe man dieses Gedicht von Frau Schneider ausgewählt, um in diesem Text ein Stück saarländischer Zeitgeschichte aufleben zu lassen.

Schichtwechsel

Fieß an Fieß offem Plaschder,
all enn ään Richdung.
Die Tasch unnerm Arm,
die Kabb offem Kobb.
Sie lache enanner zu.
Guud Schicht, rufe se –
unn gehn all’s Door 3 enenn.
De Schdumm Karl guggd ne noo,
er hadd se noch emmer emm Au.
Dann ess die Schdrooß läär.
‘s tuud, unn die Leid saan:
Horch, emm Schdumm sei Esel ruufd!
Dann komme die annre geschdreemd,
‘s Door 3 eraus.
Fieß an Fieß offem Plaschder,
die Tasch unnerm Arm,
die Kabb offem Kobb.
De Gang e bißje schwäär
unn die Gesichder mied.
De Schdumm Karl guggd ewegg
unn knäwwerd vor sich hien:
So esses Lääwe halt, ihr Leid,
ich hann frieja aa schaffe misse.
Awwer känner gäbd ebbes droff.
Allee dann, saan se,
bis morje – unn gehn ihr Wää.
‘s Door 3 schdehd schdill unn läär.
Noor e Hiddewächder guggd noch e bißje.
De Schichtwechsel ess vorbei.

Georg Fox schreibt zu dem Text:

Die heute 82jährige Isolde Schneider hat immer wieder einmal durch ihre Texte aus dem saarländischen Neunkirchen auf sich aufmerksam gemacht. Aktiv arbeitete sie in der Seniorenakademie mit und veröffentlichte in diesem Arbeitskreis ihre Werke. Für den Text »Schichtwechsel« erhielt sie den Literaturpreis des Landkreises Neunkirchen. Darin schildert sie den Schichtwechsel am Neunkircher Eisenwerk und lässt die Protagonisten wie Arbeiter und König Stumm die alltägliche Umschichtung miterleben. Zudem wird ihr Text auch in seiner Doppeldeutigkeit nachvollziehbar, weil das Neunkircher Eisenwerk heute nur noch Museum für eine frühere Zeit ist. An seiner Stelle steht ein großes Einkaufszentrum, aus dem die Leute heute mit Taschen bepackt kommen. »Schichtwechsel« von Isolde Schneider ist eine sehr präzise Beschreibung einer kurzen Zeitsequenz, die zwar alltäglich und doch bedeutsam für das Leben der Menschen war. »Emm Schdumm sei Esel ruufd« wird so eine ironische Anspielung für das Verhältnis von Hüttenarbeitern und Werkbesitzer. Isolde Schneider hat jahrelang als Personalsachbearbeiterin des Hüttenwerks die Empfindungen der Arbeiter aus nächster Nähe bei Einstellung und Entlassung miterlebt. Nur so lässt sich dieser Text in seiner Eindringlichkeit und Emotionalität erklären. Er enthält auch diese typische saarländische Gemütshaltung »So esses Lääwe halt, ihr Leit,« hier ausgesprochen vom Kapitalbesitzer, der »vor sich hien knäwwerd«, als könne er den Unmut der Menschen nicht verstehen. Isolde Schneider hat mit ihrem Text ein Stück vom saarländischen Arbeitsalltag der 60er Jahre beschrieben – eindrucksvoll und aussagekräftig. Es ist ein bemerkenswertes Zeitzeugnis für die Stimmungslage einer vergangenen Zeit. Isolde Schneider lebt seit 2003 in München und ist dort auch wieder in einem literarischen Erzählkreis für hochdeutsche Texte aktiv. Ihre Texte wurden in dem Buch »Begegnungen« veröffentlicht. »Im Herzen«, sagt sie, »trage ich aber das Saarland immer bei mir!«