Erschter Aprell Anno Tuwack von Harald Ley

Als Mundarttext des Monats April 2010 wird das Gedicht Erschter Aprell Anno Tuwack des saarländischen Mundartautors Harald Ley prämiert. Darauf hat sich das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ auf seiner Frühjahrstagung 2010 verständigt.

Wie die saarländische Schriftstellerin Karin Klee mitteilte, habe man dieses Gedicht ausgewählt, weil darin ein im heutigen Schnellleben untergehender Brauch vordergründig humorig übertreibend der Gesellschaft ihr unschönes Spiegelbild zeigt.

Erschter Aprell Anno Tuwack

Et géfft kään Kréich meh off der Welt,
kään Minsch sterft meh fò Honger.
Et Wasser aus der Saar kamma wei trénken.
Die énn Berlin onn annerschtwo,
die saan nur noch de Wòòrhäät.
All Leit hann Ärwed wenn se wéllen.
De Bääm émm Wald sénn all gesond,
de Louft éss sauwer wie noch nie,
kään Kouh spillt meh verréckt.
De Nòòpern doun nur noch aus Spass
iwwer ihr Grenzen streiden.
Ma heilt nur noch fò Gléck.
Aprell, Aprell
schéckt de Narren wohénn er wéll.

Zu dem ausgewählten Text schreibt der moselfränkische Schriftsteller Gérard Carau:

Der Monat April, dessen Name wahrscheinlich vom lateinischen Verb »aperire« (öffnen) abgeleitet ist, der demnach auf das Sich-Öffnen der Knospen, den Beginn des Frühjahrs hinweist, tritt auch als launischer Monat auf, in dem das Wetter »verrückt« spielt (»er macht, wat er wéll«). Möglicherweise hat diese Launenhaftigkeit mit der seit sechzehnhunderttuwak in Deutschland belegten Tradition des Aprilscherzes zu tun. Wie dem auch sei: Wir erinnern uns alle gerne an diesen lustigen Brauch oder haben sogar vor, ihn auch dieses Jahr wieder zu praktizieren, jemanden mit einer mehr oder weniger geschickt gefälschten Meldung in den April zu schicken und dabei zum gegebenen Zeitpunkt ein warnendes bzw. schadenfrohes »April, April!« hinterher zu schicken.

Harald Ley hat in seinem Gedicht »Erschter Aprell Anno Tuwack« eine schöne Liste solcher Falschmeldungen zusammengestellt. Es sind ausschließlich Glücksbotschaften: Es gibt keine Kriege mehr, niemand verhungert mehr, die Politiker sagen alle nur noch die Wahrheit, jeder findet Arbeit, die Umwelt ist wieder kerngesund, Nachbarn streiten nur noch zum Spaß miteinander und wer weint, tut es eben vor Glück. April, April! Ein Narr, der’s glaubt!

Und doch: Wie gern würden wir solchen Zeitungs-Meldungen über das große und kleine Wohlgefallen und über die allumfassende Harmonie Glauben schenken. Schade, dass die indikativischen Aussagesätze sich bei genauem Hinschauen ins »konjunktivisch Fragwürdige« auflösen (müssen)… Aber vielleicht erleben wir es ja doch irgendwann einmal, das Tuwacks-Jahr!