Wie um ischten Daach von Sylvia Nels

Als Mundarttext des Monats wird im November 2010 das Lied Wie um ischten Daach der Liedermacherin Sylvia Nels aus Rittersdorf in der Südeifel ausgezeichnet. Darauf hat sich das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ auf seiner Herbsttagung in der Johann-Adams-Mühle in Theley verständigt.

Der Text wurde ausgewählt, weil er in bewegender Weise das Bild einer Liebe zeichnet, die auch über den Tod hinaus »wie am ersten Tag« weiter lebt.

Wie um ischten Daach

Eisch stinn hei an da Kiarch, vieles geht mir durch de Kapp.
Dou hus den schingen Anzoch on, sugor en nei Krawatt.
Wie friem sehn mir hett ous? Bal su, wie am Film.
Net ze gläven, dat et hett suweit ass.

Wie um ischten Daach, ha mir dat net got gemach?
Mat enän gelacht, manchmol stoark un manchmol schwach.
Johr, die ginn an’t Land,
emma noch häls dou mäng Hand,
wie am ischten Daach …
Und doch no all der Zeit wäß ich änt doch ganz genau:
Dou bas mei Maan und eich deng Frau!

Kanns dou deich erinnern, op da Kirmes gung et los.
Dou hus mir un da Scheßbud en rut Rus’ geschoss.
Du hanna dem Zelt, hamlich hie geschlach,
gofs dou mir op de Mond e Kuss.

Wie um ischten Daach, …

Doch wofier mots dou gohn, nän, dat kann eich net verstohn,
eich wollt dir noch suviel son, mat dir noch viel wedda gohn!

A Gedanken doch, doh sehen eisch deisch emma noch,
newend mir hei stohn, fier ze ees zwä Joh ze son.
Wofier mots dou gohn, ohne mir noch T’schö ze son?
Su e schlemmen Daach!

Doch mein Hearz, gläw et mir, sät, dat et deisch nie vergesst,
weil Liebe seich net begrowen lisst.

Wie am ersten Tag

Ich stehe in der Kirche, vieles geht mir durch den Kopf.
Du hast den schönen Anzug an, auch eine Krawatte sogar.
Wie fremd sehen wir aus, fast so, wie im Film.
Kaum zu glauben, dass es heute so weit ist.

Wie am ersten Tag, haben wir das nicht gut gemacht?
Miteinander gelacht; manchmal stark und manchmal schwach.
Jahre gehen ins Land,
immer noch hältst du meine Hand,
wie am ersten Tag.
Und doch nach all der Zeit, weiß ich eines ganz genau,
du bist mein Mann und ich deine Frau.

Kannst du dich erinnern auf der Kirmes fing es an.
Du hast mir an der Schießbude eine rote Rose geschossen.
Und dann hinter dem Zelt, heimlich sind wir hin geschlichen,
gabst du mir auf den Mund einen Kuss.

Wie am ersten Tag …

Aber warum musstest du gehen, nein, das kann ich nicht verstehen.
Ich wollte dir noch soviel sagen, mit dir noch viel weiter gehen.

In Gedanken doch, sehe ich dich immer noch,
neben mir stehen, um zu uns beiden Ja zu sagen.
Warum musstest du gehen, ohne mir Auf Wiedersehen zu sagen?
Welch ein schlimmer Tag!

Doch mein Herz, glaub es mir, sagt, dass es dich nie vergisst,
weil Liebe sich nicht begraben lässt.

Über den ausgezeichneten Text schreibt der Wadgasser Schriftsteller Peter Eckert:

Bei nur oberflächlicher Betrachtung könnte mancher vorschnell glau­ben, Sylvia Nels wolle in ihren Liedern eine »Art heiler Welt« vorführen. Tatsächlich hat auch Sylvia Nels Welt ihre Schattenseiten, ihre Lasten, ihr Leid. Aber Sylvia Nels beobachtet aus einem Blickwinkel, der neben der real existierenden Welt auch diese »heile« oder doch zumindest heilere Welt nicht aus den Augen verliert. In glücklichen Augenblicken reicht sie in den Alltag hinein, in weniger guten Zeiten hält sie die Hoffnung aufrecht.

»Wie um ischten Daach« zeigt ein Paar, verbunden »bis der Tod euch scheidet«. Wie am ersten Tag sind beide in der Kirche. Er, wie damals mit Anzug und neuer Krawatte, musste gehen, ohne noch »tschö« sagen zu können. Sie aber weiß, dass das nicht der endgültige Schlussstrich sein kann, »weil Liebe sich nicht begraben lässt«.