Mia hann geschbilld am liebschde nua im Drägg von Manfred Spoo

Als Mundarttext des Monats im April 2012 wurde das Gedicht Mia hann geschbield am liebschde nua im Drägg des aus Saarlouis stammenden Autors Manfred Spoo ausgewählt. Darauf hat sich das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ verständigt.

Die Gruppe hat sich für diesen Text entschieden, weil darin ein Stück regionaler Kultur- und Arbeitsgeschichte einen literarischen Ausdruck findet.

Mia hann geschbilld am liebschde nua im Drägg

Daach fier Daach datt selwich Spill:
De Hétt spuggd gliedisch Òwendrod.
Roschdischbraun unn bludrod
flackerd’ett am Horizond.
Ett knirschd, gärgsd, kreischd, grummeld
ett fauchd schròò in de Naad.
Jeden Òwend kommt dat Spill
als Kénner hamma droff gewaad:

Glusisch-gliedisch zuckt da Himmel,
Bliddse an da Zemmadägg
Lichterfratzen greifen deich,
greschd Gänsehaut, ett schuddert meich.

»De Engelcher im Himmel backen«,
saad de Mamma unn se lacht
Unn mit ihrem Lied im Ohr
hamma die Aue zugemacht:

Mia hann geschbilld am liebschde nua im Drägg.
Unn wo da Drägg am dickschde woar, do senn ma nemme weg.

In da Siedlung gejeniwwa: Berschleit.
Schaffen unner Daa.
»Glück Auf !« gesaad, e Kreiz geschlaa,
enn de Gruuv gefaa.
Pannneschibb unn Silikos’,
Kaffekisch unn Prämienhaus,
Maybach unn Luisenthal
pischbern die nur ganz zart raus.

Thomasbirn unn Windkonverter?
Roschdisch iss de Weltkulduhr!
Weißer Jubben, golden Knäbb?
Kollen leijn off Halde nur!

Unn ett Rad im Förderturm
guggd in de Wind, ganz mied.
Unn die Melodie im Kobb
ess ett End vom Lied…

Mia hann geschbilld am liebschde nua im Drägg…
Unn wo da Drägg am dickschde woar, do senn ma nemme weg.

Über den ausgesuchten Text schreibt Peter Eckert, saarländischer Schriftsteller und Sprecher der ‘bosener gruppe’:

Legt man als Maßstab an, dass ein regional gefärbtes Lied anderswo nicht gesungen wird, dann hat unserere Saarregion wenige »eigene Lieder« hervorgebracht, die noch heute erkennbar einen Platz im kollektiven Gedächtnis einnehmen. Eines davon ist das wohl im frühen 20. Jahrhundert entstandene »Mir hann geschbield….« In einer Zeit, die das Singen des überlieferten Liedgutes bestenfalls den Traditionspflegern überlässt, wäre dieses Lied inzwischen wohl weitgehend vergessen, hätte es nicht 1977 Anne Karin aus der Versenkung geholt und in einer fröhlichen Fassung auf Schallplatte konserviert.

Neben dem Titel hat der nun ausgezeichnete Text von Manfred Spoo mit dem Lied nur den Refrain gemeinsam. Er klingt als Erinnerung an eine fast untergegangene Zeit, in der Bergbau und Schwerindustrie zum Alltag der Menschen im Industriegebiet rund um die Uhr den Takt gaben, aber auch das Einkommen sicherten und einen ganz eigenen Bestand an Bildern schufen, wie z.B. das von den backenden Engelchen.

Wo früher Blitze zuckten, Funken regneten, der Himmel blutrot leuchtete, schweigt heute das zum Weltkulturerbe erhobene rostige Industriedenkmal. Früher hatte der Bergmann zwischen Prämienhaus und Grube sein Auskommen, aber stets den Tod als Begleiter, wofür Namen wie Maybach und Luisenthal stehen. Heute ist diese Angst von den Menschen genommen. Andere Ängste treten an ihre Stelle, wie z.B. die Angst um die wirtschaftliche Existenz, weil die Kohle auf Halde liegt und die Räder im Förderturm still stehen.

Manfred Spoo legt mit diesem Text ein Stück im Refrain bereits liedgewordene Vergangenheit vor, die es Wert ist, im Gedächtnis zu bleiben.