Gebroodne Dauwe von Relinde Niedertländer

Als Mundarttext des Monats im August 2012 wurde das Gedicht Gebroodne Dauwe der aus Homburg-Limbach stammenden Autorin Relinde Niederländer ausgewählt. Darauf hat sich das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ verständigt.

Die Gruppe hat sich für diesen Text entschieden, weil darin einen gezielten Blick auf menschliche Unzulänglichkeiten, die Methode haben, geworfen wird.

Gebroodne Dauwe

Ich will awwer, hat’er gemennt,
er war zwee unn sie sinn gerennt.
Das was ‘er gewollt hat, war kleen
sellemools, und goldich unn scheen.

Ich will awwer, hat’er gemennt,
dezu noch geschdambt und geflennt.
Er war acht und hat’s kriet, dann war’s guud
sellemools, unn Ruh in de Buud.

Er war zwanzisch unn flott unn mobill,
unn sie hann gemacht, was er will,
aus Angschd vor Balaawa unn Schdreid
middlerweil, unn aach wää de Leid.

Ihm selwer iss kaum was gelung,
er iss in kenn Aawed geschbrung.
Erscht gäschder war widder Dischbudd
schdunnelang, weil’s Audo kabudd.

Ehr Rigge iss alt jetzt unn krumm,
sie schbeere, es iss ball erumm.
Doch eens gebbts, das raubt ne die Ruh:
»Wer sorcht dann noo uns fa de Buu?«

Über den ausgesuchten Text schreibt der Sprecher der ‘bosener gruppe’, der in Wadgassen-Differten lebende Autor Peter Eckert:

Es gibt Märchen, die beginnen mit den Worten »In der guten alten Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat…« Als einfache Vorstellung ohne Aussicht auf Verwirklichung mag das in der Tat als sehr erstrebenswert gelten. Erstaunlich, dass ausgerechnet Wilhelm Busch, den viele einfach nur für einen Spaßmacher halten, ernsthafte Bedenken anmeldet: »Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge.«

In der Tat: Ein Mensch, dessen höchste Anstrengung darin besteht, »Ich will!« zu sagen, gelangt schwerlich dahin, den Wert der Dinge realistisch einzuschätzen. Ebenso wenig wird er ein Gespür dafür entwickeln, welche Anstrengungen andere dafür unternehmen müssen. Und noch weniger wird er einsehen, dass auch andere mit gleichem Recht »wollen«.

Das Werk von Relinde Niederländer zeichnet sich durchgängig aus durch einen klaren und nicht selten kritischen Blick auf das menschliche Zusammenleben, auf Fehlverhalten in der Familie und ihrem Umfeld, seine Ursachen und Folgen. So auch die eigentlich tragische Geschichte des Sohnes, dem zeitlebens wie im Schlaraffenland sozusagen die gebratenen Tauben in den Mund geflogen sind.

Schwer zu sagen, wann die liebevolle Zuwendung der Eltern zur Affenliebe wurde, wann aus kindlichem Bitten unverschämtes Fordern wurde. Wer wollte noch sagen, wann wirkliche Elternliebe darin bestanden hätte, zu verweigern, statt um des lieben Friedens willen nachzugeben, und anzuspornen, statt durch käufliches Glück zu beschwichtigen und als Lebenshaltung zu zementieren.

Und selbst wenn es noch festzustellen wäre, es ist wohl zu spät. Der Ich-will-Nesthocker hat sich in seinem Versagerleben eingerichtet. Aber das Ende der Zeit, in der »Ich will!« geholfen hat, wird absehbar. Kein Wunder, dass die Eltern, die ihre Verantwortung eher ahnen als erkennen und anerkennen, unter der drückenden Sorge leiden: Wer sorgt nach uns für den Jungen?