Häämweg von Helga Schneider

Der Herbst ist gekommen, die Welt wieder grau, und so hat das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ für den Oktober einen eher nachdenklich melancholisches Text der Kaiserslauterner Schrifstellerin Helga Schneider als Mundarttext des Monats ausgesucht.

Das Gedicht Häämweg ist, wie Karin Klee, Sprecherin der Gruppe, weiter mitteilt, der beste Beweis dafür, wie einfühlsam und gleichzeitig kraftvoll Dialektliteratur mit der Vergänglichkeit allen Lebens umzugehen vermag.

Häämweg

ch kumm ausem Garde
an de Bach dort im Dal
laaf iwwer die Brick.
Driwwe s Pädche werd schmal.
Im Korb Kraut un Blumme,
e bißje Salat,
s letscht Händche voll Erbse,
e roti Tomat.

Oft sinn mer do gang
mit dem Kerbche zu zwätt.
Jetzt heil ich un denk
an des Krankehausbett.
Un Bilder steijn uff
vun de glutwarme Stää(n),
leis pischbert die Weed.
Bin ich werklich allää(n)?

Die Gärde ummauert.
E Rail zwischedrin.
‘s riescht muffisch, ‘s werd schattisch;
ich freer innedrinn.
Brennessle un Efei
an Maure, an dunkele.
Stää(n)brocke im Railpad.
Als heer ich se munkele.

Sie wissen vun Worte,
vun Hubbser un Schritt,
vun Kinnergedribbels
un wutharte Tritt,
vum Eile in Dage
voll Truwel, voll Frääd.
Lang laaft schun das Wasser
im Trog an de Weed.

Mei(n) Korb werd mer schwer.
Doch im Rail do werd s heller.
Was hääßt das: Noch hoffe?
Vielleicht. Ich geh schneller.
De A(n)fang. De Fortgang,
‘s sinn soviel Johr Lewe.
Verauscht un vegang.
War’s jetzt domols? War’s ewe.

Zu dem ausgewählten Text schreibt der saarländische Autor Peter Eckert Folgendes:

Erinnerung heißt, zugleich Verlorenes und Bewahrtes im Bewusstsein miteinander zu verknüpfen und gegeneinander abzuwägen. Besonders schwierig gestalten sich Phasen im Leben, in denen unaufhaltsam stabile Bausteine einer Existenz wegbrechen, das also, was das Leben lange Zeit trug. Neben dem Schönen nicht zu vergessen auch die unvermeidlichen Mühen und Lasten, denen bewusste Erinnerung einen eigenen Sinn zugesteht.

All das findet sich in Helga Schneiders Gedicht Häämweg aus ihrem 1993 erschienen Gedichtbändchen »Glaswelte«. Den sich abzeichnenden Verlust eines geliebten Menschen spiegelt die konkrete Situation des Heimwegs aus dem Garten. Unterwegs ist die noch voll im Leben stehende Hälfte des Paares, die sich, das »Leben geht weiter«, um den früher gemeinsam gepflegten Garten kümmert und mit einer kleinen Ernte zur Wohnung zurückkehrt. Weit weg im Krankenhausbett liegt die andere Hälfte, von der wir ahnen, dass ihr bevorsteht, was früher in Todesanzeigen als »Heimgang« umschrieben wurde. Schattige Gärten hinter Mauern, Efeu, Brennnesseln, muffiger Geruch: Der Gedanke an den Friedhof überlagert die Wahrnehmung. Noch steigt von warmen Steinen die Erinnerung auf an frohe Tage, trippelnde Kinder, fröhliches Springen, aber auch wütendes Stampfen: gelebte Gemeinschaft.

Das lange, kurze Leben ist großenteils verrauscht, das Wasser im Brunnentrog wird weiter laufen. Der Pfad wird heller – ein Hoffnungsschimmer für den gemeinsamen Weg?

Helga Schneider hat nimmt längst einen besonderen Platz in der pfälzisch-rheinfränkischen Literatur ein. Immer wieder gelingt es ihr, mit ihrer kraftvollen und doch auch zärtlichen pfälzischen Sprache aus ganz normalem Menschenleben beeindruckende Poesie zu schaffen.