Räs von Heinrich Kraus

Als Mundarttext des Monats September dieses Jahres wurde das Gedicht Räs des in Bruchmühlbach-Miesau lebenden und in St. Ingbert geborenen Autors Heinrich Kraus ausgewählt. Darauf hat sich das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ verständigt.

Wie die Sprecherin der Gruppe, die in Wadern lebende Autorin Karin Klee weiter mitteilt, erschien dieser Text im Paraple 22, 2011, S. 61. Kraus, der in diesem Sommer seinen 80sten Geburtstag feierte, stellt damit unter Beweis, dass er noch immer weit weg von jeder Art von Schreibmüdigkeit ist. Die Gruppe hat diesen Text ausgesucht, weil sich darin Sprach- und Wortwitz mit philosophischen Betrachtungen über die menschliche Existenz wunderbar humorvoll vereinen.

Räs

E Schneck
im Dreck
mahn weg.
O leck!
Samt ihrm Gepäck?

E Bien
im Grien
dut’s siehn.
Wohin?
Ei, noh Berlin!

Off Babb
geht’s ab.
De Trabb
macht schlapp
un nit se knabb!

E Boh
gezog…
Ei jo!
Doch do
loßt’s läder noh.

E Kuh
macht muh,
tappt zu:
Ragout
un ewisch Ruh…

O Mensch, Filou,
wohin mahnscht du?

Der in Beckingen lebende saarländische Schriftsteller Gérard Carau schreibt zu dem ausgewählten Text:

Wenn man wie die Schnecke (inklusive Gehäuse) im Dreck leben muss, liegt der Wunsch nahe, in die weite Welt, gar nach Berlin ziehen zu wollen, von anderen neidvoll beobachtet. Aber wie weit kommt so ein Viech? Schon die nächste Kuh macht mit einem Huftritt aus ihr Ragout…

Daraus ergibt sich zwangsläufig die Frage, ob man, angesichts der Gefahren, die unterwegs, ja schon um die nächste Ecke, auf einen lauern, überhaupt reisen sollte. Die Frage weitet sich aus ins Existenziell-Philosophische: Wohin strebt der Mensch? Est-ce que l’on sait où l’on va?

Auf diese Weise hinterfotzig-humorvoll den Lebenssinn hinterfragen kann nur Heinrich Kraus. Und er beweist mal wieder, in seiner melodischen Mundart, wie gut er sein Handwerk beherrscht: In den ersten fünf Strophen dominiert jeweils ein Vokal; in der verkürzten sechsten, die dem Menschen gewidmet ist, kommen alle fünf gemeinsam zum Klingen, schwingen sich auf zu einem Memento-Mori-Barock-Akkord. Bravo, Meister!