De Schell geht von Jeanne Müller-Quévy

Als Mundarttext des Monats Februar hat das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ ein Gedicht der aus Lothringen stammenden Autorin Jeanne Müller-Quévy ausgewählt; es trägt den Titel De Schell geht.

Der Text wurde ausgesucht, so Karin Klee, Schriftstellerin und Sprecherin der ‘bosener gruppe’, um einen authentischen Blick zurück in eine Zeit zu werfen, als Kommunikation etwas rein und durch und durch Menschliches gewesen ist, es keines anderen Mediums als der wörtlichen Rede bedurfte, um einen ganzen Ort mit Informationen zu versorgen.

De Schell geht

»Dir Kinner, kummen schnell!
Do ussen geht de Schell,
Hehren, was es Neies gett!«,
Ruft én de Denn de Mutter Kätt.

Un all dun se russ rennen,
Ma mennt, es word ne’s Himd brennen.
Do stehn se jetz gespannt drum rum
Un luchsen uf ém Merten sin Bekanntmachung.

Mit ém Erschtens fangt er an de Nouvellen ze san:
»Moa am Sunnda no der Veschper isch gross Fussbollrennen
Uf ém Schängle sin Wies
Fa alles wo Been hat un Fieß.
Zweitens: Am Menda get de Wuch ingeweit
un em Budikslisa wird de Mischt versteit.
Drittens: Am Dinschda kummt der Rentmeeschder,
do get es Geld gezählt,
un am Mittwoch get de Wuch gedält.
Viertens: Am Donnerschda isch e gross Fescht,
Do werd um Märkplätz Hinnerdreck gedrescht.
Fünftens: Am Frejda get’s Scheine fa Holz un Blädder
un morjen’s kumt der Schwinsgelser (Ferkel-Kastrierer).
Un heit am Samschda get de Caniveau gekehrt
un ken Mischtloch geleert.
Es isch noch nit alles gesaat:
Heit Nohmittag wären um Beninger Bahnhof Firtz
Abgelad, un der wo will’rer han,
Muss se sich selwer énpacken.
De näckscht Wuch isch der vierzehnte quatorze Joulié,
die Einwohner sollen alles schmicken un flaggen.«

Über den ausgewählten Text schreibt der saarländische Schriftsteller Gérard Carau:

Man muss sich schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurückerinnern, um ihn vor sich zu sehen: den »Gemeindediener«, der an bestimmten Tagen und an bestimmten Plätzen im Dorf die amtlichen Bekanntmachungen »lauthals verkündete, nachdem er mit einer mehr oder weniger mächtigen »Schelle« die Anlieger rundherum »zusammengebimmelt« hatte. Im saarländischen Beckingen war das nach dem Krieg der »Schellepitt«. Kommunikation war damals eben noch etwas Handfestes, man musste »Mucke« in den Armen haben, um den ganzen Tag lang die Schelle schwingen zu können, und eine kräftige Stimme, um sich Gehör zu verschaffen. Eine Folklore, die dann sehr schnell verschwand, ersetzt wurde durch gedruckte »Amtsblätter«, »Gemeindeboten« und dergleichen. Sicherlich bequemer, verlässlicher, eben »effizienter« als die mündlich verbreitete Botschaft, pardon: heute heißt das ja »message«.

Jeanne Müllers Gedicht »De Schell geht« führt uns diese versunkene Welt noch einmal vor Augen und Ohren. Für die Kinder insbesondere war es ein Ereignis, wenn der »Schellenmann« kam, um die »Nouvellen«, die Neuigkeiten aus der Gemeinde zu verlautbaren. Und Jeanne Müller wäre nicht Jeanne Müller, wenn sie sich aus diesem Ereignis nicht einen Riesenspaß machen würde. Denn was gibt es in einem Dorf wie Spittel (in Lothringen, wo sie herkommt) schon Großartiges zu berichten? Da gibt es am Sonntag ein Fußballspiel, wohl eher auf einer Wiese denn auf einem »richtigen« Fußball-Platz; da wird am Mittwoch die Woche geteilt; da wird daran erinnert, dass »de Caniveau«, die »Kullang«, wie man bei uns sagt, zu kehren ist. Und dann wendet es sich in’s Derb-Humoreske, wenn die Dorfbewohner aufgefordert werden, sich ihre Portion »Fürze« am Beninger Bahnhof abzuholen, aber, bitteschön, selbst einzupacken!

Jeanne Müller stammt aus Spittel (dem heutigen L’Hôpital bei Carling in Lothringen). Sie hat erst im Alter von achtzig Jahren so richtig begonnen, Gedichte und Geschichten in ihrem rheinfränkischen Dialekt zu schreiben, aus ihren Erinnerungen heraus, aber auch als kritische Beobachterin der Aktualität. Sie hat sich dabei als wirkliche »poétesse«, Dichterin, »entpuppt«. Alle ihre Texte (viele sind im »Paraple« erschienen) sind »authentisch«, präzise, vor allem humorvoll, ja weise. Sie hat uns vor ein paar Jahren verlassen. Wir erinnern uns gerne an »Jeanne la Lorraine«.