Erscht Summerlieb von Ursula Kerber

Als Mundarttext des Monats Juli hat das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ das Gedicht Erschd Summalieb der saarländischen Schriftstellerin Ursula Kerber ausgewählt.

Dieser Text weist viele Besonderheiten auf, so Karin Klee, Schriftstellerin und Sprecherin der ‘bosener gruppe’: Hier vereinen sich Gedanken an Erinnerungen und das Erleben der Natur und werden dabei unverwechselbar Eins mit der Jahreszeit und der Muttersprache einer Autorin.

Erscht Summerlieb

E Séjelschéffchin aus Pabeier
aam Julisónndaachnòòmétdaach
En Wasserfass aam Gaartenheischen
spillt de grooßen Ozean

Un user Oòtem vaan zwai Seiten geejeniwwer
hauchdem leichden Wénd

Béss schaanté séch
de Nasenschbétzen treffen

Un’t Meer ónendléch déif verlockend
aus hellen Auen schémmert

schanntdé – verschämt, schamhaft, schüchtern

(Das Gedicht ist zum ersten Mal im Paraple 7, 2004, erschienen.)

Über den ausgesuchten Text schreibt der saarländische Autor Gérard Carau:

Früher war das wohl noch möglich: Die Geschlechter begegneten sich »schaantdé«, verschüchtert, zögerlich, aber doch nicht ohne den Willen, den Abstand allmählich zu verkürzen. Begegnung der allerersten Art an Wasserflächen in Fässern, die mit Fantasie das Meer markierten, die weite Welt bedeuteten – und die erste große Liebe. Das alles an Julisonntagnachmittagen (welch schönes langes Wort!), wie wir sie heute kaum mehr kennen. Der Atem, die Nasenspitzen, die Augen: Alle Sinne sind in Ursula Kerbers Gedicht geweckt. Da schimmert etwas herüber aus einer vergangenen Welt, an die, an das man sich gern erinnert, obwohl oder weil es so weit weg ist, dass es unwirklich erscheinen muss. Man kann sich von hier aus darauf einlassen, ohne dass es verfänglich wird. Es ist die Heiterkeit des Abstands, welche die Liebe größer macht, schöner. Ganz »schaantdé«, im Verborgenen.