Zweij Seufzere von Johannes Kühn

Als Mundarttext des Monats Juni hat das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ das Gedicht Zweij Seufzere des Lyrikers Johannes Kühn ausgewählt.

Der Text ist ein eindeutiger Beweis für die Stärken des in Hasborn lebenden Dichters, so Karin Klee, Schriftstellerin und Sprecherin der ‘bosener gruppe’, als da sind: ein gutes Stück schonungsloser Offenheit, dazu eine Prise Selbstironie und jede Menge sprachlichen Talents.

Zweij Seufzere

Ett petzt misch iwwerall
ganz raulisch,
eijsch senn halt so e Fall,
eijsch senn maulisch.
Eijsch seijn e Märe do,
genn schroh.
Mej ald Gesischt,
ett moss et schrecke.
Eijsch schdehe kurz vorm Frecke,
wär isch noch jong, kinnt isch et necke.
Ett ess nett so.

Ett petzt misch iwwwerall
ganz dirmlisch,
ett ess meij Fall,
ett maht meijsch irmlisch.
Ett Märe ess noch jong,
eijsch hätt gesong,
wor isch nur bessjen jinger.
Eijsch hätt noch Worte for so Denger.
Nä, eijsch se kä jonger Schbrenger,
se ald o schroh.

Zu dem Text schreibt die aus Dillingen Pachten stammende Autorin Hildegard Driesch:

Johannes Kühn ist nicht zu Unrecht einer der großen zeitgenössischen deutschen Lyriker. Trotzdem ist er tief in seiner Muttersprache, dem moselfränkischen Hasborner Dialekt, verwurzelt. Und glücklicher Weise schreibt er – auch – immer noch in seiner Mundart. Seine Werke beschäftigen sich oft mit Dingen und Ereignissen aus dem überschaubaren, dörflichen Alltagsleben. Johannes Kühn beschönigt nichts, er beschreibt die gelegentlich raue Wirklichkeit (z. B. »Dä Schdäänbrescher«, »E wirrisch Weibsminsch«) aber auch die Schönheit der Natur (z. B. »Roose«, »E Wolkescheff«). Er geht stets mit offen Augen und Ohren durch die Tage, durch die Jahre, durch die Zeit und verwandelt alle Eindrücke in Sprache, eben auch in seiner, unserer Muttersprache, die in ihrem ganzen Facettenreichtum immer weniger gesprochen und immer weniger verstanden wird. Fast möchte man Johannes Kühns Mundarttexte als einen trotzigen Abgesang auf unsere Sprache verstehen, ein »und jetzt gerade extra« des Schriftstellers (und, nicht zu vergessen, seiner Leser), der statt des mahnenden Zeigefingers, seine Heimatsprache würdigt – indem er sie aufschreibt und sie so überliefert.

Nicht ohne ein Schmunzeln ist der Text des Monats zu lesen. Der Schreiber trauert seinen vergangenen Jahren nach, stellt fest, dass er ald o schroh geworden ist. Wunsch und Wirklichkeit klaffen, das beschreibt er weiter im Text, weit auseinander. Man kann sich den Schriftsteller bei einem Spaziergang an einem Sommertag vorstellen. Seine Augen bleiben haften an einem jungen Mädchen, das ihm entgegenkommt. Seine Freude an diesem Anblick währt leider nur kurz. Schmerzhaft wird ihm bewusst, dass das Älterwerden seinen Tribut fordert. Zwei Seufzer stößt er aus und sie allein drücken das ganze Dilemma aus. Lesen wir also nachdenklich und mit einem Augenzwinkern Johannes Kühns Text des Monats, entnommen dem PARAPLE Nr. 23/2012.