O min lànd von Ronald Euler

Als Mundarttext des Monats März hat das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ ein Gedicht des aus dem krummen Elsass stammenden Autors Ronald Euler ausgewählt; der Text trägt den Titel O min lànd.

Dieses Gedicht wurde ausgesucht, so Karin Klee, Schriftstellerin und Sprecherin der ‘bosener gruppe’, weil darin Dialektsprache, Poesie und politischer Standpunkt eine Verbindung miteinander eingehen, die dazu führt, dass die Kraft der Aussage sich um ein Vielfaches verstärkt.

O min lànd

Vur wemm hàsch de àngscht
Dàss de dich mit schànd beflecksch
Bisch doch nitt dààb
Dàss de de hàss nitt heersch uff dëre verkràtzt schàllplàtt
Bisch doch nitt blind
Dàss de de schàtte nitt gesisch in denne fàlsche fràtze

O min liewes lànd
Bisch doch nitt krànk
So loss de dàtsche von dem àlte kràm eweg
Stéck ne jo nitt in de hànd e blànkoscheck

Hàsch doch kën àlzheimer?

(écrit le 23.04.2012, lendemain du premier tour des élections présidentielles 2012)

Dàtsche – Hände, Finger ; mains

Über den ausgesuchten Text schreibt der lothringische Schriftsteller Jean-Louis Kieffer:

Ronald Euler ist ein Elsässer, der in der Sprache des »Alsace Bossue«, des »Krummen Elsass«, schreibt, und die ist lothringisch, es ist das Rheinfränkische von Buchenumm (bei Sarre-Union). Ronald Euler ist ein echter Poet. Allerdings keiner von der sanften Sorte, der lediglich mit den Wörtern und ihren Klangmöglichkeiten spielt, um die Leser zu interessieren und zu unterhalten. Seine Muttersprache ist tief in ihm verwurzelt: Sie (nicht das Französische und nicht das Hochdeutsche) ist seine ursprüngliche Sprache, die Sprache, in der und mit der man spontan seine Gefühle äußert, in der und mit der man seinen Ärger, seine Wut artikuliert.

Im Gedicht »O min Land« geht es nicht, wie man vom Titel her vielleicht vermuten könnte, um eine Liebeserklärung, gerichtet an sein idyllisches, romantisches Krumme Elsass. Nein, der enttäuschte und tief betroffene Poet wirft seiner Heimat ihr höchst befremdliches Verhalten vor… Hört das Land denn nicht das nervenaufreibende, den Ohren weh tuende schrille Gekreische der leiernden Schallplatte? Sieht es nicht die hässliche, Angst einflößende Grimasse? Hat seine Heimat schon die braunen Jahre vergessen? Oh meine Heimat, bist du krank?

Das Gedicht wurde geschrieben in Reaktion auf den ersten Durchgang der französischen Präsidentschaftswahlen 2012: Im Krummen Elsass und im deutschsprachigen Lothringen war die extreme Rechte aufmarschiert… Es ist die vornehmste Aufgabe des Poeten (und damit eben auch von Ronald Euler), den Finger auf die Stelle zu legen, wo es weh tut. Er, der Poet, verfügt über die passenden Worte und Bilder, weiß sich auszudrücken. Ronald Euler versteht es bestens, in seiner ureigenen Sprache, dem Fränkischen, seinem Land, das er dabei ertappt, sich zu verlieren, ordentlich die Meinung zu sagen. »O min Land«, hör’ deinen Poeten und beherzige das, was er dir zu sagen hat!

(Übersetzung aus dem Französischen: Gérard Carau)