IwwerdeGau von Ursula Kerber

Das Gedicht IwwerdeGau der saarländischen Autorin Ursula Kerber ist Mundarttext des Monats im letzten Monat des Jahres 2014. Darauf hat sich das Kolloqium der ‘bosener gruppe’ verständigt.

Dieses Gedicht wurde ausgesucht, so Karin Klee, Autorin und eine Sprecherin der ‘bosener gruppe’, weil in ihm noch viel mehr steckt, als die wunderbar poetischen Zeilen über Natur und Landschaft mit ihren dramatisch ernsten Bildern und Gedanken auf den ersten Blick, auf das erste Hören hin verraten.

IwwerdeGau

Blaich lout de Dezembersónn
weit iwwer de Gau
der Bóddem gómpt un
träämt vaam Meer wo
én de gròògeel Wacken
noch lebennich éss
em Wénterwénd geheert et Land
er roppt un blòòst un peift
un séngt un suust un bleiwt
grad stéll fò e Moment
treiwt dann ém Hurra
sei Spill vaan voar mét
Wólken un Gedanken
iwwer de Wéntergau weit
vaan geschder nò iwwermoar

Aus: »MundART Winter« – Anthologie – (Hrsg. Manfred Spoo), www.kelkel-verlag.de, ISBN 978-3942 767040).
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Über den ausgewählten Text schreibt der saarländische Autor Gérard Carau:

Herrlich ist’s über den Gau zu wandern – aach wemma nòòher de Schouh voller Lähm hängken hat. Er hat schon etwas Besonderes, unser Saargau, Kulturlandschaft und Grenzgebiet über der Saar, wo Deutschland und Frankreich heute Gott sei Dank nicht mehr »kriegerisch« zusammenkrachen, sondern das Saarland und Lothringen »sanft und friedlich« ineinander übergehen.

Man kann ihn nicht oft genug beschreiben, seine Eigenarten nicht laut genug preisen. Ursula Kerber (Roden und Überherrn) kennt ihn bestens und weiß ihn entsprechend zu würdigen. Sie fängt ihn ein mit ihrem moselfränkischen Bilder-Netz: Wie er da unter der fahlen Sonne liegt, scheint er »ze gómpen«, sein verdientes Schläfchen zu halten, dem fernen, in die Wackersteine aufgelösten Rauschen des Meeres, das er einmal war, im Traume nachlauschend, bevor er – es ist schließlich Winter – wieder seine ganze wilde Energie entfesselt und ins (wörtlich zu nehmende) »Treiben« jagt.

Es ist eben nicht nur das vielgerühmte Licht des Gaus zu den »lieblicheren Jahreszeiten«, das manchen gar schon an den Süden Frankreichs erinnert; es sind nicht nur die Felder, Streuobstwiesen und Dörfer, die faszinieren. Es ist auch der wilde, ungestüme, losgelassene Gau in den Wintermonaten. Vielleicht fasziniert er besonders dann, wenn er sich in all seinen Wolken an frühere »bewegte Zeiten« erinnert und ihm die Zukunft, trotz allem, gar nicht so ewig heiter erscheinen mag…