Friehstick von Helga Schneider

Das Gedicht Friehstick der frisch preisgekröhnten, in der Pfalz beheimateten Schriftstellerin Helga Schneider ist Mundarttext des Monats Juni 2014. Darauf hat sich das Kolloqium der bosener gruppe’ geeinigt.

Dieser Text wurde ausgesucht, so Karin Klee, Autorin und eine Sprecherin der Gruppe, weil in ihm bildhaft und einprägsam knapp ein urmenschliches Dilemma aufgezeigt wird: Während das Leben des einen Menschen von Wohlstand und allerlei Gutem erfüllen ist, existiert zur selben Zeit an einem anderen Ort jemand, dem es ganz und gar nicht gut (er-) geht. Wenn man das weiß, kann man sich dann noch an seinem Glück erfreuen?

Friehstick

E sunneheller Strahl
uff de Dischdeck.

Frische Weck
vum Bäckerauto aus Lautre,

Milch
ausem Allgai,

Honisch
aus Kanada,

Butter
aus Holland,

Kaffee
aus Brasilie,

e Blummestrauß
aus Afrika.

»Gut sinn die Zeite
jetzt
do bei uns.«

saat die Oma.

»Leej dabber
die Zeitung eweg!«

Über den Text schreibt der saarländische Autor und Sprecher der ‘bosener gruppe’ Peter Eckert:

Auf den ersten Blick einladend wirkt dieses Bild, das Helga Schneider beim Frühstück entwirft. Zunächst scheint der Sonnenstrahl ein lyrisches Stillleben mit freundlichem Licht einzuhüllen. Danach tritt der Beschauer mit den versammelten Lebensmitteln eine Blitzreise um den Globus an, beginnend beim Bäcker in Kaiserslautern und schließlich mit dem Tischschmuck aus Afrika an den heimischen Frühstückstisch zurückkehrend. An diesem Tisch lässt man es sich in so guten Zeiten gern wohl ergehen. Und um gar nicht erst daran erinnert zu werden, dass die Zeiten anderswo so erschreckend unfreundlich sind wie früher bei uns, bringt man noch rasch die Zeitung außer Blickweite. Jetzt ist die Welt in Ordnung, und das ungetrübt gemütliche Frühstück kann beginnen.

Helga Schneider gewann soeben im Dannstadter Mundartwettbewerb einen weiteren 1. Preis zu ihren kaum noch zu zählenden Auszeichnungen hinzu. Immer wieder versteht sie es meisterlich, ihr für Außenstehende eher schmuckloses Alltags-Westpfälzisch, zur klang- und bildreichen Dichtersprache zu transformieren, ohne dabei den Eindruck zu erzeugen, sie sei gekünstelt oder volkstümelnd. In ihrem Werk findet sich z. B. stimmungsvolle Naturlyrik ebenso wie Betrachtungen zum menschlichen Leben rund ums Jahr.

Auch die pfälzische Heimat hat ihren festen Platz, liebevoll, aber nie kritiklos verherrlichend. Daneben stehen treffsichere Beobachtungen ihrer bzw. unserer zuweilen mehr als seltsam sich gebärdenden Umwelt und zeitkritische Kommentare, aus denen bei aller verständlichen Distanz doch immer auch viel Liebe zu Menschen spricht. Helga Schneider zählt schon zu Lebzeiten unbestreitbar zu den Klassikern der pfälzischen bzw. der rheinfränkischen Mundartdichtung.