Winderdaache von Gerd Heger

Gedicht Winderdaache des in Saarbrücken lebenden unter anderem auch Autors Gerd Heger ist Mundarttext des Monats im Dezember 2015, darauf hat sich das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ auf seiner letzten Tagung geeinigt.

Dieser Text wurde ausgewählt, so Karin Klee, Autorin und Sprechrin der ‘bosener gruppe’, weil die darin beschriebenen dunklen Momente, die nicht nur ein jeder Winter in unserer Breiten unweigerlich in sich trägt, in unerschrocken poetischer Offenheit, doch gänzlich ohne aufgesetzten Pathos, als eine solche enttarnt und sie damit möglicherweise in ihre Schranken weist.

Winderdaache

‘S gebt so dunkle Winderdaache
Sogar wonn scheint die Sonn.
Die sinn so recht kaum zu ertraache,
Merr mähnt, merr platzt vor lauder Fraache.
Die Angschd hot’s Blut geronn.

Merr lewen weider, weil merr misse,
De beese longe Daach.
Merr fiehlen schlimmer als beschisse,
Faschd wär der Lewensstrick gerisse.
Kä Stick mehr uff der Waach.

Die Angschd greift zu midd dicke Zange
Unn zwickt unn zwickt unn zwickt.
Die Angschd iss do, um zuzulange,
Der Lewensmut iss uns vergange.
Werrd merr so schnell verrickt?

Doch ganz do drinn, ganz inne dief,
Do steckt noch e Stick Lewe.
Und dess halt durch in all demm Mief,
Der Kält, dem Dunkel unn dem Trief.
Und saacht laut »Trotzdem« ewe!

Zu dem ausgesuchten Text schreibt Karin Klee:

Als ‘Monsieur Chanson’ kennt man Gerd Heger weit über den Sendeumfang des Saarländischen Rundfunks hinaus. Der nahe Oggersheim geborene sprachbegabte Pfälzer ist Journalist, Moderator, Musiker, Dichter (kann durchaus sein, dass da noch etwas fehlt) und kennt sich mit Zwischentönen bestens aus, ebenso mit dem, was zwischen den Zeilen zu finden ist. Nachlesen kann man das in dem Lyrikband »Sieben Tage, sieben Töpfe«, in bereits dritter Auflage im Saarbrücker Geistkirch Verlag erschienen, und in seinen Beiträgen im ‘Paraple’, der x-lingualen Literaturzeitschrift des Sprach- und Landesgrenzen hinter sich lassenden Vereines ‘Gau un Griis’.

Dort übrigens habe ich den Text »Winderdaache«, der als eine Art Winter-Blues bereits vertont worden ist, entdecken dürfen. Eine jede Zeile darin rührt an, ist im selben Moment aber auch ein schonungslos offenes Bekenntnis zu etwas, was man gerade angesichts der November-Attentate in Paris sich eben nicht laut auszusprechen traut: zuzugeben, dass man Angst hat.

Dabei ist es egal, wie eine Angst daherkommt. Wenn sie erst einmal in einer Menschenseele Fuß gefasst hat, ergreift sie Schritt für Schritt vom Gesamtgeschöpf Besitz, geht dort in Körper und Geist spazieren. Und am Ende gelingt es manchmal nur noch den Fachleuten aus Medizin, Psychologie und Philosophie die Angst in ihre Schranken zu weisen; oder man hat eben einen gut funktionierenden Eigen-Sinn, einen hochintelligenten Dickkopf, der mit einem kraftvollen »Trotzdem« den Weg aus der Dunkelheit ins Hellere versucht.