Winterweg von Helga Schneider

Das Gedicht Winterweg der pfälzisch-rheinfränkische Autorin Helga Schneider ist der erste der Mundarttexte des Monats im Jahr 2015. Darauf hat sich das Kolloqium der ‘bosener gruppe’ bereits auf seiner letzten Tagung im Herbst 2014 verständigt.

Dieses Gedicht wurde ausgewählt, so Karin Klee, Autorin und Sprecherin der ‘bosener gruppe’, da Helga Schneider hier sprachgewandt und sprachgewaltig winterliches Naturerleben, Gedanken und Erinnerungen hochkünstlerisch aneinander zu weben und zu bündeln versteht.

Winterweg

m glitzerische Schnee am Wegrand
Hundegetappsel, Vochelfiißgekritzel.
Dezwische wie Ausrufezeiche
derre Grashalme.
Uffem Weg Rääfespure:
e Auto, e Kinnerscheesje.
In de Mitt e langi Bort Fußtabbe.
Schritt fer Schritt drick ich
mei Sohleprofil dezu,

sieh unner de silwerisch blasse Sunn
hiwwe im Eisbärebelz die Waldberje,
driwwe geje die nordpälzer Dickkepp zu
vorm stahlblooe Himmel
e Reih Quetschebääm.
Uff ihre Äscht
Raawe,
stumm un schwarz,
wie mit de Scher ausgeschnitt.

Wiitisch beitscht de Wind iwwers freie Feld.
Treibt e Schwarm winzische Eisneedelcher doher;
scharf wie Schlehdernerspitze
stechen se mir ins Gesicht.
In mei Anorak hutschel ich mich, will hääm.
Wie Eisdrachegeschnaufs faucht mir jetzt
die Oschtluft entgeje,
beißt sich dorch mei Klääder,
dass es mich schuckert un schittelt.

An denne Winter denk ich, wo du
newer de Spure vun Panzerkette un Laschtwaarääfe
hinner me Stacheldroohtzaun
unnerm eiskalte Sternehimmel
dort in dem fremde Land
vefror bischt,
indes ich mit de Puderbichs
bei de Mamme in de waarme Kich
Sterncher uff de Boddem gemacht hann.

Weiter geh ich,
sieh do unne vorm Wald
zwische de weiße Dächer
unser Haus.
De Schornschte raacht.
Noch e paar Schritt die Stroß entlang.
Am Kinnerspielplatz vorbei.
Dann bin ich dehääm.

 

Über den ausgewählten Text schreibt der saarländische Autor und Sprecher der ‘bosener gruppe’ Peter Eckert:

Dass Winter viele Gesichter haben kann, ist mehr oder minder eine alltägliche Erfahrung: Ob man ihn als schön erlebt, bedrohlich oder grausam, entscheidet die ganz persönliche Lebenssituation. Die gesamte Bandbreite dieser Empfindungen berührt der Weg, den das Gedicht nimmt, zwischen Winterfreuden und Winterschrecken: Unter stahlblauem Himmel durch Eisnadeln, die der Ostwind ins Gesicht peitscht, vorbei an in den Schnee gedrückten Spuren des Lebens neben den alltäglichen Spuren unserer Zivilisation, bevor der Blick sich dem Schneeweiß der Winterlandschaft zuwendet. Gleich Scherenschnitten zeigt hier das Schwarz der Raben auf Bäumen den Winter als Jahreszeit schärfster, oft übergangslos auftretender Kontraste. Noch krasser sind die Erfahrungen, die sich damit verbinden, Erinnerungen, die sich fast zwangsläufig einstellen: Irgendwo weit draußen im Krieg der Vater, der hinter Stacheldraht neben den Spuren von Panzerketten sein Leben in der Eiseskälte unter dem Sternenhimmel verliert. Und daheim bei der Mutter in der warmen Küche spielend das kleine Kind, das aus der Puderdose Sterne auf den Fußboden streut, damals. Heute führt der Weg der erwachsenen Frau zurück ins warme Haus, vorbei am Kinderspielplatz. Glückliches Ende dieses Winterweges oder trügerische Idylle?

Dass Helga Schneider längst zu den ganz Großen der pfälzisch-rheinfränkischen Literatur gehört, sollte sich inzwischen herumgesprochen haben. Trotzdem beeindruckt es immer wieder neu, welche Kunstwerke sie aus ihrer pfälzischen Sprache formt: nicht bestimmt für entrückte Sphären, sondern berührende Poesie, in der sich das Leben ganz normaler Menschen spiegelt.