Ganz schön flott von Josef Peil

Der Text Ganz schön flott des Hunsrücker Autors Josef Peil ist Mundarttext des Monats Juni 2015. Darauf hat sich das Kolloqium der ‘bosener gruppe’ auf seiner letzten Tagung verständigt.

Dieser Text wurde ausgesucht, so Karin Klee, Autorin und eine Sprechrin der ‘bosener gruppe’, da er knapp, pointiert und mit beispielhafter Geschwindigkeit ein Menschenleben beschreibt, bei dem von Anfang bis Ende das Tempo die lebensbewegende Rolle spielt.

Ganz schön flott

Mit 6 Johr – 50 Meter in 10 Sekunde, ganz schön flott for das Alter.
Mit 10 Johr – 50 Meter in 9 Sekunde is mer immer noch flott vorkomm.
Mit 15 Johr – 100 Meter in 20 Sekunde, no ja, geht so for das Alter.
Mit 20 Johr – 100 Meter in 15 Sekunde, nit flott genug for das Alter.
Mit 20 Johr – 10 Kilometer in 60 Minute marscheert. Das is normal for das Alter.
Mit 30 Johr – 10 Kilometer in 60 Minute. Es geht noch, so alt sin eich jo noch gar nit.
Mit 40 Johr – 5 Kilometer in 1 Stunn. Das is flott genug, dass aach die Junge noh komme.
Mit 50 Johr – de Kilometer in ner Veertelstunn. Do muss mer schon stramm gehn in dem Alter.
Mit 60 Johr – de Kilometer in ner halwe Stunn. In dem Alter hot mer schun Zeit.
Mit 70 Johr – noch en Stunn or zwo dorch Dorf un Flur. Hauptsach, eich sin noch mobil.
Mit 80 Johr – Wie weit – wie lang? Egal. Wenn eich ebbes ze gucke ore ze schwetze hon, bleiwe eich alle 100 Meter stehn.
Mit 90 Johr – gehn eich noch flott 50 Meter iwer die Gass maije.
Mit 100 Jahr – vum Fernseh in die Küch geht’s noch ganz schön flott for das Alter.
Wenn’s aach immer flott gang hot, Hauptsach, es war ganz schön, ganz schön flott.

Zu dem ausgesuchten Text schreibt der Autor und Sprecher der ‘bosener gruppe’ Peter Eckert:

Es lässt sich schwerlich bestreiten: Der eilige Geist treibt, gelegentlich unvermeidbar, unsere Welt an. Aus Gewohnheit oder auch nur aus fehlgeleitetem Pflichtgefühl »um der Sache willen« läuft die Hetze selbst dann noch weiter, wenn sie längst nicht mehr objektiv sinnvoll und nützlich ist. Wie im Großen, so im Kleinen: Ganz schön flott verläuft auch Josef Peils Schnelldurchlauf durch ein inhaltlich typisches, wenn auch recht langes Menschenleben.

Zwei miteinander verwobene Grundthemen bestimmen den Verlauf: Den schwierigen Aufstieg zum Gipfel des »Lebensberges«, dem, sobald man »über den Berg« ist, der sich beschleunigende Niedergang folgt, überlagern als zweites Thema die beschwichtigenden und beschönigenden Formeln, die diesen Auf- und Abstieg begleiten. So entsteht die Skizze einer durch die Brille gnadenlos positiven Denkens gesehenen Hetzjagd, die nahtlos übergeht vom »noch nicht« zum »nicht mehr«.

Die Stationen, die Josef Peil blitzlichtartig erfasst, dürften den meisten von uns vertraut sein, sei es aus eigener Einsicht oder – der Seelenruhe zuträglicher – durch die Beobachtung anderer. Und eben weil die knappe Auflistung, ob man sie nun eher freundlich-bissig oder nachsichtig-ironisch findet, selbsterklärend für sich spricht, kann Josef Peil sich jeder Wertung, jeden Kommentars enthalten. So sind sie halt, die Menschen.