Briefmarke mit Roseduft von Alex Entzminger

Das Lied Briefmarke mit Roseduft des in Landau zur Welt gekommenen und in Römerberg bei Speyer aufgewachsenen Liedermachers Alex Entzminger ist Mundarttext des Monats im Dezember 2016, darauf hat sich das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ geeinigt.

Dieser Text wurde ausgewählt, so Karin Klee, Autorin und Sprecherin der Gruppe, weil hier mit lässiger Wucht einige unserer gesellschaftliche Fehlstellungen und Schieflagen anschaulich auf den Punkt gebracht werden.

Briefmarke mit Roseduft

Nooch dere Krise weht e Brise
voller Hoffnung hier dursch’s Lond
sie riescht so wie blühende Landschafte
habt ihr des aa erkannt
denn mehr als drei Millione Arweitslose
schicken Bewerbunge mit Briefmarke
unn die duften noch Rose

Wommer nix Bess’res mehr erfinnen
als ä künschtlisches Aroma,
des riescht, wie dreißisch Johr altes
Parfüm vun moinre Oma
donn siehts net rosisch aus – fer unser Lond
donn siehts net rosisch aus – fer unser Lond

Des Flääsch vum Aldi des schmeckt wirklisch lecker
selbscht wonns moin Kumpel grillt
wie isch ihm des deletscht mol gsaad hab,
hot er misch beinah gekillt
ach des vum Lidl, find isch einwandfei –
s g’heart gschmacklisch zu de Beschte
doch frooch isch misch bei denne Preise:
Mit was duun die die Schweine mäschte

Wommer nix Besseres mehr wissen
als uns selwerscht zu vergifte
indirekt, mit Hähnscheschenkel, odder Rinderhüfte
donn fliegt schunn ball die Kuh in unserm Lond
donn fliegt schunn ball die Kuh in unserm Lond

In alle Firme, Schule, Unis redd mer heit von Qualität
mer denkt, es wär modernes Management
wonn wu »QM*« druff steht (*QM: Qualitätsmanagement)
Wer Qualität ins Zentrum stellt,
der schiebt ach ganz galant
gonz automatisch dodedursch –
die Mensche an de Rand

Über den ausgesuchten Text schreibt der Autor und Sprecher der ‘bosner gruppe’ Peter Eckert:

Dass in unseren Tagen mehr als nur einiges schief läuft, hat sich inzwischen sogar in Teilen der traditionell harthörigen Kreise unserer Gesellschaft herumgesprochen. Dass die Zahl der mehr oder weniger unterschiedlichen Theorien zu Ursachen, Anlässen, Symptomen und Folgen dieses Phänomens kaum zu ermitteln ist, nimmt dabei kaum wunder. Man kann sich diesem Problem hochphilosophisch nähern und im Elfenbeinturm zunächst eine anspruchsvolle Theorie konstruieren. Die allerdings schafft es selten bis hinunter in die Niederungen des gewöhnlichen Menschenlebens. Denn was hilft’s, wenn gerade die in der Hauptsache Betroffenen diesen Gedankenpirouetten nicht folgen können und/oder wollen? Alex Entzminger packt das Problem von der anderen Seite her an. Er greift aus der schier unüberschaubaren Vielzahl eine griffige Auswahl von Verrücktheiten unseres Alltags heraus, mit denen sicher nicht alles, aber doch sehr Wesentliches gesagt ist. Dem Arbeitslosen geht es nicht besser, weil die Briefmarken auf seinen nutzlosen Bewerbungsbriefen parfümiert sind. Wodurch das zu Ramschpreisen verhökerte Fleisch immer noch billiger wird, weiß man nicht genau, aber allein die Vermutungen des gesunden Menschenverstandes sollten ausreichen, auch den gesündesten Appetit zu verderben. Bleibt das Menschheitsrätsel, warum das inflationär installierte “Qualitätsmanagement” offenbar bewirkt, dass der Mensch, der doch eigentlich im Mittelpunkt des Qualitätsstrebens stehen sollte, allenfalls als zu vernachlässigende Randerscheinung wahrgenommen wird.

Alex Entzminger ist geboren 1972, zu einer Zeit also, in der sich der erste Liedermacher-Protest zu legen und zu glätten begann. Die Frage, wieso er trotzdem an diese Tradition anknüpft, ist sicher weit weniger wichtig als die Tatsache, dass er es tut. Und das auf eine Weise, die einen klaren Blick verrät, die Kritik aber so unterhaltsam formuliert, dass man sich ihr schwerlich entziehen kann. Man könnte Namen wie Degenhardt, Wader, Süverkrüp, Rosky erwähnen; das muss aber nicht sein, weil Alex Entzminger, zumal er in seiner pfälzischen Muttersprache singt, durchaus seinen eigenen Ton gefunden hat.