Carpe Diem von Armand Bemer

Ein Haiku des aus Lothringen stammenden und im nahen Dreiländereck lebenden Autors Armand Bemer ist Mundarttext des Monats im Oktober 2016, darauf hat sich das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ bei seinem Herbsttreffen in Nohfelden-Bosen geeinigt.

Dieser äußerst kurze Text wurde ausgewählt, so Karin Klee, Autorin und Sprecherin der Gruppe, weil er in Aussage und Form ein Stück konzentrierte Poesie ist, in der zugleich eine gehaltvolle Aussage steckt.

Carpe Diem

As et moer besser?
Vergiess net haut ze liewen
An den Dag ze plécken

Über den ausgewählten Text schreibt der in Norden Deutschlands lebende und im Moselfränkischen aufgewachsene Autor Manfred Moßmann:

Mit seinem Haiku (zu finden im Paraple Nummer 29 auf Seite 40) legt der pensionierte Englischlehrer Armand Bemer aus dem »pays des trois frontières« ein mundartliches Kleinod vor, das uns an die Sentenz des römischen Dichters Horaz (= Genieße den Tag, bzw. wörtlich: Pflücke den Tag) und die Lust des Lebens, aber gleichzeitig auch an seine Vergänglichkeit erinnert.

Verschieben wir also den Genuss und die Freude nicht auf morgen und lassen auch wir uns nicht auf morgen verschieben. Nehmen wir das Leben als elementares Geschenk der Natur, und freuen wir uns über diesen und jeden neuen Tag. Nehmen wir den Tag wie einen Apfel, der in unserem Garten wächst. Pflücken wir ihn mit Bedacht, und schauen wir ihn uns genau an.

Denn: Ob es ein fauler Apfel oder der Apfel der Erkenntnis ist, kann und darf jeder Mensch für sich selbst herausfinden …