Ich oder Dür von René Egles

Das Lied Ich oder Dür des elsässischen Liedermachers René Egles ist Mundarttext des Monats im Februar 2017, darauf hat sich das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ geeinigt.

Der Text wurde ausgewählt, so Karin Klee, Autorin und Sprecherin der Gruppe, weil das Thema des Liedes derzeit aktueller denn je ist: Wie verhält sich ein übergroßes Ich angesichts des jeweiligen Ichs der anderen Menschen?

Ich oder Dür

Dü bisch nit wie ich!
ch bin nit wie dü!
Wer isch dann de richtig?
Bin ich’s oder dü?

Dü reddsch nit wie ich!
Ich redd nit wie dü!
Wer isch dann de Päxer?
Bin ich’s oder dü?

Dü bettsch nit wie ich!
Ich bett nit wie dü!
Wer kommt in de Himmel?
Bin ich’s oder dü?

Vun dem Land bin ich!
Vun zellem bisch dü!
Wer isch dann e Fremder?
Bin ich’s oder dü?

Glab nit was se glawe,
Uf ihrem Gericht!
Glab nit was se sawe,
Ihr Gsetz isch ken Pflicht!

Mir alli sin andersch,
Mir alli sin glich:
Im Läwe ganz andersch,
Vor’m Tod, awer glich.

E Wisser bin ich,
E Schwartzer bisch dü!
Wer isch dann genegert?
Bin ich’s oder dü?

Wenn dü wärsch wie ich,
Un ich wär wie dü!
Wer wär dann de Ander?
Wär ich’s oder dü?

Blie grad wie dü bisch,
Ich blie wie ich bin!
Denn so isch’s au richtig,
Denn so soll’s au sin.

Liberté, Égalité, Fraternité!
Et la tolérance!
Et le droit à la différence, verklemmi!
Les grands oubliés de la Révolution française!

Über den ausgesuchten Text schreibt der Autor und Sprecher der ‘bosner gruppe’ Peter Eckert:

Ich! Ich! Ich! So verständlich es scheint, dass menschliches Denken und Handeln von der eigenen Person ausgeht und damit vieles abhängig ist von der jeweiligen Lebensgrundlage, Bedürfnissen, Ansprüchen, Absichten, Überzeugungen, Hoffnungen und Träumen: Schwierig wird es, wenn darüber vergessen wird, dass die Erde bevölkert ist von Milliarden anderer menschlicher Individuen, die das nämliche Recht für sich beanspruchen. Reine Ichbezogenheit, so wie sie sich derzeit rund um den Erdball breitmacht, klammert das »Du« völlig aus dem eigenen Weltbild aus oder erklärt es für minderwertig und spricht ihm das Recht auf Teilhabe ab.

Der elsässische Liedermacher René Egles, Ausnahmemusiker und Sprachkünstler, belässt es nicht bei dieser trocken-theoretischen Skizze. Immer wieder erhebt er seine Stimme gegen Fehlhaltungen und Fehlentwicklungen des Zeitgeistes, der schon zur Entstehungszeit des Liedes »Ich oder Dür« vor über einem Vierteljahrhundert ungute Wege einschlug, die über kurz oder lang in die Katastrophe führen müssen.

Das Lied vereinigt ganz handfeste Beispiele aus dem Menschenleben zu einem bunten Bild aus Alltagssituationen, in denen Gerechtigkeit und Menschlichkeit sich bewähren müssen, wenn es nicht bei Floskeln bleiben soll. Sprache, Religion, Hautfarbe, Volkszugehörigkeit: Wer »der eine« sein darf und wer »der andere« sein muss, das wechselt von Person zu Person. In keinem Fall berechtigt das aber dazu, aus solchen Gründen übereinander zu Gericht zu sitzen, sich ein nach solchen Kriterien gefälltes Urteil über gut und schlecht, erlaubt und verboten, wertvoll und wertlos anzumaßen. Die vielerorts schon fast wieder vergessenen Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Recht auf Verschiedenheit fasst Egles zusammen in die menschenfreundliche Aufforderung: »Bleib du, wie du bist! Ich bleib wie ich bin!« Ob sie gehört wird?