Mei Holler von Heinrich Kraus

Das Gedicht Mei Holler des in St.Ingbert geborenen Heinrich Kraus, der bis zu seinem Tod am 22. Oktober 2015 im pfälzischen Bruchmühlbach-Miesau gelebt hat, ist Mundarttext des Monats im Juni 2017, darauf hat sich das Kolloquium der ‘bosener gruppe’ geeinigt.

Der Text wurde ausgesucht, so die Autorin und Sprecherin der ‘bosener gruppe’ Karin Klee, um damit an Leben und Werk von Heinrich Kraus zu erinnern, der am 09. Juni 85 Jahre alt geworden wäre.

Mei Holler

Sellemols, do hätt ich gär
ebbes Edles hingeplanzt.
Awer do war’s Konto leer,
un ich han von Hand geschanzt.

Dich han ich o’m Schutt gefonn.
Besser die wie garkän Heck!
Grob erausgeroppt… un schon
warscht de in meim Garteeck.

Kämmeh Arwed, kämmeh Mieh;
awer du hascht grien getrieb,
stehscht hejt stolz, bliehscht schener wie
geckisch Zejch. Ich han dich lieb.

S’lacht mei Herz, wenn ich dich siehn.
Glick, das kann ma billisch kriehn!

Aus: Grickelmaus am Chausseeresch
Verlag: Autoedition Heinrich Kraus
Auch in: Poetische Haltestellen
Eine Auswahl der Lyrik aus vier Jahrzehnten
2002 by Röhrig Universitätsverlag GmbH

Über den ausgewählten Text schreibt die saarländische Autorin Hildegard Driesch:

Heinrich Kraus, in St. Ingbert geboren, später, bis zu seinem Tode wohnhaft in Bruchmühlbach-Miesau, blieb ein Leben lang seiner Muttersprache treu. Er war ein sprachliches Naturtalent. Seine Wanderjahre in »südlichen Gefilden« scheinen seinen Blick auf Natur, Arbeitswelt und Mensch noch geschliffen zu haben. Bereits im Büchlein »Mei Geheichnis – Mundartgedichte von der Saar und ihrer Nachbarschaft« (Minerva Verlag Thinnes & Nolte) aus dem Jahr 1964 (!) finden sich drei Gedichte des Literaten (Dahlie, Erntedank und Es Siffche). Seine Texte lassen uns die Sonnenstrahlen spüren, die dröhnenden Hämmer in den Fabriken hören und die Schwielen an den Arbeiterhänden sehen. Man spürt, dass er sich hier besonders den einfachen, schwer arbeitenden Menschen zugeneigt fühlt.

Heinrich Kraus schrieb etwa drei Dutzend Gedichtbände, einen Paris-Roman (Staub) und Kinderbücher, die sogar ins Japanische und Chinesische übersetzt wurden, ebenso Kantaten und Beiträge für Rundfunk und Fernsehen.

Im Text »Mei Holler« beschreibt er die finanzielle Situation »des kleinen Mannes«, der kein Geld übrig hat, um sich die üblichen Hecken für den Garten zu kaufen. Aber weil er mit offenen Augen »durch den Tag« geht, findet er auf dem Schutt »kostenlos« einen Holunderbaum… Wie aussagestark ist die letzte Zeile des Gedichtes: »Glick, das kann ma billich kriehn!« Und das nicht nur in Form eines wilden Holunderbaums vom Schuttplatz.