Frühlings-Verwirrung von Gangolf Peitz

Als Mundarttext des Monats März 2017 wird das Gedicht Frühlings-Verwirrung des saarländischen Mundartautors Gangolf Peitz prämiert. Darauf hat sich bei ihrer letzten Tagung das Kolloquium der bosener gruppe’ verständigt.

Wie eine Sprecherin der Gruppe, die saarländische Autorin Karin Klee, mitteilte, habe man diesen Text von Peitz ausgewählt, um darauf hinzuweisen, dass poetische Aussagen und Betrachtungen in Regionalsprache einen ganz besonderen literarischen Reiz besitzen.

Frühlings-Verwirrung

Die alt Fraa wääß nix meeh
Vunn de Jahreszeide

Se wääß nimme vunn Daach unn Naat
Drinn unn Drauße, vunn Mai odder Januar

Doo steht im März die Diir weit uff
Se laaft dabber naus, halwer nackisch

Laaft iwwers Blumebeet querriwwer
Verliert e Schlabbe, steht pletzlisch im Rosebeet

Scheen waarm isses heit drauße schunn
Ball zwansisch Grad bringt die Sunn

Die alt Fraa is gebickt
Butzt unn wischt die Blume ab

Sammelt de Müll zwische de Rose
Macht die Naduur sauwer

Se woar rausgelaaf, beinägschdt vor e Audo
Wird dann ingefang zerick ins Heim

Awwer die Friehlingssunn
Hat häämlich uff se gewaart

Die alt Fraa wääß nix meeh vumm Friehling Saanse

Georg Fox, Mitglied der ‚bosener gruppe’, schreibt zu dem Text von Gangolf Peitz:

Der Text »Frühlings-Verwirrung« ist ein gutes Beispiel für eine gelungene literarische Gestaltung in der Regionalsprache unseres Landes. Der Frühling als Zeit der Erneuerung und des Aufbruchs kontrastiert hier mit der Demenz-Erkrankung einer alten Frau, die ihre Welt scheinbar nicht mehr versteht. Peitz nutzt sein intensives berufliches Vorwissen, um hier in sehr feinfühlender Art den Verhaltensweisen eines kranken Menschen nachzuspüren. »Die alt Fraa wääß nix meeh vumm Friehling« lautet das Urteil der Umwelt. Dabei spürt sie dennoch das Erwachen der Natur und hat einen Sinn für die wärmende Sonne. Peitz schafft es, in einer hochemotionellen Bildsprache die Erlebniswelt der Kranken sichtbar zu machen und ihre vielfach unverständlichen Verhaltensweisen dennoch mit Sinnhaftigkeit zu füllen. Zugleich ist der Text auch ein Appell des Autors für einen verständnisvolleren Umgang mit der Demenz-Krankheit.

Hier schafft es die Mundart, eine tiefe Betroffenheit für die Welt der demenzkranken Menschen in einer dichten literarischen Sprachebene herzustellen. Die Regionalsprache – das beweist Gangolf Peitz – erzeugt damit eine literarisch-künstlerische Gestaltungskraft, die gleichzeitig eine gewisse Gleichgültigkeit des Umfeldes entlarvt, wo das Verhalten der Frau nur mit einem achselzuckenden »Saanse!« kommentiert wird. Damit wird der Schriftsteller zum Botschafter für die hohe Wertigkeit der Regionalsprache. Die Lyrik von Gangolf Peitz bildet mit den Bildern, die er malt, eine korrespondierende Einheit, ein besonderes musisches Wechselspiel. Der Autor meint dazu: »Meine Gedichte sind leise und laute Bilder, meine Bilder laute und leise Gedichte. Sie waren und sind mir Flaschenpost, Freiheit und Heimat.«