Mundart in der Region

Mundart – Sprachrelief

Geschichte und Bestandsaufnahme der Mundarten im Saarland, Lothringen, Luxemburg und der Pfalz.

Eine Landschaft ist ein Gebiet mit einem gerade für diese Landschaft typischen Charakter. Da gibt es vielleicht Hügel und Täler, Bachläufe und Seen, landschaftstypische Städte und Dörfer. Man spricht von einer Hügellandschaft, von einer Seenlandschaft oder von einer Gebirgslandschaft. Landschaften haben ihre Charakteristika, die sie prägen. Dies ist auch bei Sprachlandschaften so. Unser Saarland besteht aus mehreren großen Sprachlandschaften.

Saarländisch – das ist in erster Linie ein politischer, vielleicht noch ein geographischer Begriff. Auf keinen Fall ist es ein sprachwissenschaftlicher Begriff. Deshalb ist die Bezeichnung saarländische Mundart als Charakterisierung einer eigenen, fest umrissenen Sprachform nicht richtig. »Nur auf der Grenze bin ich zu Haus« heißt ein Buchtitel der sich mit Mundart beschäftigt. Es ist eine hübsche Metapher, um etwas über die Mundarten im Saarland (nicht über die saarländische Mundart) zu verdeutlichen. Das Saarland spricht nämlich mehrere Mundarten. Es ist einerseits das Moselfränkische, welches durch die berühmte europäische Sprachgrenze, die das-dat-Linie von dem Rheinfränkischen getrennt wird.

Diese Grenze geht quer durchs Land, ihr Verlauf konnte früher in Dörfern und bis in Straßenbereiche hinein festgelegt werden. Diese Sprachgrenze läuft nördlich von Saarbrücken an der alten Grafschaftsgrenze entlang, das Köllertal hinauf in die Tholeyer Gegend zur mittleren Nahe und erreicht bei Boppard den Rhein. Heute ist es durch die Mobilität der Bevölkerung dazu gekommen, dass die Trennungslinie nicht mehr so scharf gezogen werden kann. Man spricht im Bereich der Sprachgrenze eher von einem sprachlichen Vibrationsraum, einem Gebiet also, wo sich Wörter und Ausdrucksweise angleichen, überlappen, verbinden, verbünden. Es sind also mindestens zwei Sprachlandschaften, eventuell sogar drei, die das Saarland prägen.

Die Sprachgrenze hat aber nicht nur trennende, sondern auch verbindende Elemente. So wird das Moselfränkische des Saarlouiser Raumes auch im grenznahen Lothringen noch gesprochen, das Westpfälzische reicht in den Raum des östlichen Saarlandes hinein. Man wird wohl nicht umhinkommen, der Gegend um Saarbrücken eine eigene Sprachqualität in der Bezeichnung Saarbrigger Platt zuzubilligen, also eine Ausformung des Rheinfränkischen, das in seiner Sprachverwandtschaft weit ins Reich hineinreicht. Die Sprachgrenze der das-dat-Linie ist über Jahrhunderte entstanden. Sie könnte erheblich beeinflusst worden sein durch politische, kirchliche und gesellschaftliche Bedingungen, in jedem Fall ist sie viel älter und konsistenter als manche politische Grenze unserer Region.

»Mundart« ist ein Teil dessen, was man unter dem Begriff »Identität« eines Gemeinwesens subsumieren kann. Identität – das hat etwas mit Urvertrauen eines Menschen in seine Umgebung zu tun. Und dieses Urvertrauen ist offenbar immer noch mundartlich geprägt. »Sprachlandschaft«, dieses Wort ist auch ein Bild für das, was Sprache für eine Region bedeuten kann. Denn eine Landschaft ist eine Gegend mit einem relativ einheitlichen Erscheinungsbild, wo es aber dann doch auch Unterschiede und Abänderungen, Stilisierungen und Typisierungen gibt. Man muss einer Sprachlandschaft zugestehen, dass sie verschiedene Ausprägungen hat. Es sind manchmal sogar Wörter und Sätze, die man kaum dreißig Kilometer entfernt nicht mehr verstehen kann. So wird die nachfolgende Episode verständlich: Als der saarländische Rundfunk in den 50er Jahren das Mundarthörspiel von Maria Croon »De drehdeje Pätter« ausstrahlte, geschrieben in der Mundart des Ortes Meurich bei Saarburg, bekam der Rundfunk folgende Zuschrift: »Als einziger in Saarbrücken lebender Chinese danke ich Ihnen herzlich dafür, dass Sie einmal ein Spiel in meiner Heimatsprache gesendet haben!«

Sprache ist auch Seelenmassage. »Jede Region liebt ihren Dialekt, sei er doch eigentlich das Element, in welchem diese Seele ihren Atem schöpfe. Kein Geringerer als Goethe schrieb diese Lobpreisung der Mundart. Dialekt ist Sprachbarriere, schreibt der Tübinger Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger, aber es stimmt nicht, dass es sich dabei nur um eine einseitige Barriere handelte, die von außen und oben beliebig übersprungen werden könnte. Es handelt sich auch um einen Schutzzaun gegen allzu alerte Kommunikateure, und hinter diesem Schutzzaun gedeiht nicht nur Rückständigkeit, sondern auch eine eigene Modernität, die Modernität der Provinz, die sich gegen das technokratische Modernitätsmonopol der Zentralen wendet.«

Natürlich ist die Hochsprache wichtig, vielleicht sogar wichtiger als die Mundart. Aber: Sie hat keine Heimat. Wir ‘leben’ nicht in ihr. Sie hat wenig Wurzeln, sie ist für manche sogar keine ‘Mutter’sprache, und diese ist nach Heidegger nicht nur die Sprache der Mutter, sondern auch die Mutter der Sprache.

Es gibt im Südwesten der Bundesrepublik seit 1957 dieses kleine Saarland, Unkundige sagen sogar ein zu kleines Land, das seit einigen Jahren seine Identität mit großem Elan auch in der Mundart findet. Dass dies gerade hier nicht besonders leicht fällt, wird deutlich, wenn man den ständigen politischen Wechsel der letzten hundert Jahre und die zusätzlich quer durch das Saarland laufende rheinfränkisch-moselfränkische Sprachgrenze in Betracht zieht. Zweifellos ist es das unbestrittene Verdienst des Saarländischen Rundfunks in den 90er Jahren gewesen, durch die Schaffung eines Mundart-Wettbewerbs die Basis für eine völlig neue Mundart-Literatur und für unverbrauchte Texte aus dem und über das Saarland gelegt zu haben.

Mit den ersten Saarländischen Mundarttagen 1992 erhielten die Bemühungen des Senders um einen fundamentalen Identitätsanker dieser Region eine neue Qualität. Treibende Kraft in diesem Bereich war der Redakteur Günter Schmitt, der mehr als zwölf Jahren jeden Montag für rund zwei Sendestunden dem staunenden Publikum vorführte, was man alles aus und mit Mundart in Wort und Lied machen konnte. Sein »Mundartabend« bündelte Autoren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zu einem Literaturforum, das durch Dialektlieder, Schlager und Chansons aus allen deutschen Regionen ein Forum für Sprachgestaltung bot. Inzwischen hat der SR dieses einmalige Projekt aus Kostengründen beendet. Auch die Mundart leidet unter dem Sparzwang! Kaum einsehbar ist allerdings, weshalb ein Heimatsender, der eigentlich senden will, was das Land fühlt, die Regionalsprachen des Landes derart abqualifiziert.

»Sprachliche und damit kulturelle Identität einzelner Regionen zu verdeutlichen«, nannte der saarländische Bürgermeister Klaus Bouillon aus St. Wendel als wichtigste Motivation, weshalb gerade seine Stadt sich für die Mundarten des Saarlandes engagiere.

Der frühere Abteilungsleiter des Saarländischen Rundfunks, Friedrich Hatzenbühler, einer der engagierten Vorkämpfer für die Mundartschiene seines Senders, sitzt nicht mehr am Mikrophon. Er brachte es in einer ausgezeichneten Analyse der Mundart und ihrer literarischen Berechtigung auf den Punkt, als er bei der Eröffnung einer SR3-Veranstaltungsfolge im Mia-Münster-Haus von St. Wendel ausführte: »Gesprochene Sprache ist der augenfälligste, aber auch der am meisten strapazierte Ausdruck menschlicher Kultur, die Summe aller persönlichen, familiären Erfahrungen, ein Begriffsvorrat an Wörtern und Worten, die aus dieser Region entstanden sind, eine Schatzkammer menschlichen Denkens, ein lebendiges regionales Museum an Theorie und Erfahrung. Gesprochene Sprache als Produkt und Dokument menschlichen Geistes – und auch menschlichen Unvermögens – Spiegelbild menschlicher Stimmungen, Verirrungen, Launen, sachlicher Information. Und hier beginnt bereits durchzuscheinen, was das Interessante und das Wesentliche einer Dialektsprache, einer Sprache aus dem Volk, aus dem einfachen Volk bedeuten und dokumentieren kann.«

Dass Sprache in Mundart aber durchaus nicht museal wirken muss, bewies eine neue Generation von Mundart-Autoren, die sich bereits durch entsprechende Veröffentlichungen qualifiziert hatten. Friedrich Hatzenbühler vom Saarländischen Rundfunk fasste die Summe solcher Erfahrungen zusammen: »Und so ist in einer intimen Atmosphäre persönlicher, familiärer, verwandtschaftlicher Beziehungen ein differenziertes und hochinteressantes Sprachgebilde entstanden, zuweilen unvergleichbar, unikat, total unverwechselbar.«

Der grobe Verlauf der dat-das-Grenze

Der fränkische Sprachraum